Image

Dieser israelische Arzt rettet palästinensische Kinder

von: ANTJE SCHIPPMANN (TEXT), FREDRIK VON ERICHSEN (FOTOS), NOEMI MIHALOVICI (VIDEO) veröffentlicht am
15.05.2018 - 15:25 Uhr

Herzen reparieren, Brücken bauen – das ist die Mission der israelischen Hilfsorganisation „Save a Child’s Heart“.

Dr. Assa Sagi (46) ist einer der Herzchirurgen, die dort ehrenamtlich arbeiten. BILD traf den Mediziner bei der Arbeit im Wolfson-Medical-Center in Holon.
Image

Behutsam überprüft der Arzt die Werte des kleinen Rafif. Der Junge aus Gaza ist erst vier Monate alt und muss rund um die Uhr in der Quarantäne-Station betreut werden. Rafif hatte bei der Geburt ein Loch im Herzen. Bei der Operation im Krankenhaus in Gaza hat er sich einen resistenten Keim eingefangen.

Als seine Infektion lebensbedrohlich wurde, flog ein Rettungsteam ihn nach Israel. „Es geht ihm schon besser. Aber er wird wohl noch zwei bis drei Wochen bei uns bleiben“, sagt Dr. Sagi.


Mit den Ärzten in Gaza arbeitet sein Team regelmäßig zusammen, sie seien zu Freunden geworden, sagt er. „Einige von ihnen wurden sogar hier ausgebildet.“
Image

► Eines von 100 Kindern kommt mit einem angeborenen Herzfehler auf die Welt. Etwa die Hälfte braucht ärztliche Versorgung. In Industrieländern sind das meist Routine-Eingriffe. Doch in vielen Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, gibt es kein ausgebildetes Personal. Deshalb gründete ein israelischer Kardiologe vor 23 Jahren „Save a Child’s Heart“.

Insgesamt 4740 Kinder aus 56 Ländern konnten die Ärzte seitdem in Israel behandeln. Unterstützt wird die Organisation von der EU, aus den USA und von BILD hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“.

„Die Kinder kommen oft mit medizinischen Problemen zu uns, die Kinder in Industrieländern schon lange nicht mehr erleiden müssen“, sagt Dr. Sagi. Dann kämen auch Ärzte aus anderen Abteilungen zum Einsatz. Jeden Monat fliegt er ins Ausland, für Vor- und Nachuntersuchungen. Wo keine Israelis ins Land dürfen, wie Irak oder Afghanistan, übernehmen Ärzte aus anderen Ländern die Screenings.
Image

Der zweite Schwerpunkt neben den Herz-Operationen in Israel ist das Training der Fachkräfte. Im Wolfson-Medical-Center bildet „Save a Child’s Heart“ deshalb OP-Schwestern und Herzchirurgen aus. Sie lebten und arbeiteten hierfür bis zu sechs Jahre lang in Holon, würden Teil der Familie, berichtet Dr. Sagi stolz.

Eine der großen Erfolgsgeschichten ist das Herzzentrum in Tansania. In dem ostafrikanischen Land mit 55 Millionen Einwohnern gab es keinen einzigen Herzchirurgen. Mittlerweile arbeitet dort ein Team, das komplett in Israel ausgebildet wurde.

Auch wenn sich sein Arbeitspensum durch den ehrenamtlichen Einsatz verdoppelt und teilweise verdreifacht hat – die Arbeit für „Save a Child’s Heart“ sei ein „Privileg“, sagt Dr. Sagi. Es sei ohnehin schon zauberhaft, die Herzen von Kindern heilen zu dürfen, aber wie er weltweit einen Unterschied machen kann, das sei etwas ganz Besonderes.
Image

Die Verwandlung in den Gesichtern


Ein Drittel bis die Hälfte der Kinder kommt aus den palästinensischen Gebieten. Jeden Dienstag bieten die Ärzte auch einen kostenfreien Sprechzeiten-Tag für die palästinensischen Familien an.

„Wenn die Kinder zum ersten Mal bei uns sind, haben sie Angst, schauen skeptisch. Auch die Mütter sind oft nervös, einige haben zum ersten Mal ihr Dorf verlassen, sind in einem Land, das als ‚Feind‘ wahrgenommen wird“, erzählt Dr. Sagi.
Image
Image

„Aber wenn sie dann merken, dass wir die palästinensischen Kinder genauso behandeln wie die israelischen, dass alle in einem Raum sind, wenn sie israelische Mütter kennenlernen, dann merken sie, dass wir alle nur hier sind, um den Kindern zu helfen.“

Wenn sie dann zu den nächsten Arztterminen kommen, sind sie gelöst: „Die Kinder rennen auf uns zu, umarmen uns. Wir verbringen so viele Stunden miteinander. Es ist dann wie eine Familie.“

Dieser Wandel in den Gesichtern der Kinder – die anfängliche Angst und Skepsis und dann die Freude und das Lachen – mehr müsse man nicht sehen, um die friedensstiftende Wirkung von „Save a Child’s Heart“ zu verstehen, sagt Dr. Sagi.

Als er noch Assistenzarzt war, behandelte er einen kleinen Jungen namens Ayoub. Er musste ein halbes Jahr auf der Intensivstation bleiben. Dr. Sagi hat damals mit ihm gearbeitet und verstanden, das diese Arbeit das ist, was er machen will.
Image

Auch der Familie von Ayoub kam der Arzt in dieser Zeit sehr nahe. Bis heute sieht er den Jungen und seine Familie noch regelmäßig für Untersuchungen. „Vor einigen Monaten war er erst wieder bei uns. Er ist jetzt ein großer starker Junge von elf Jahren! Er kam auf mich zugelaufen und hat mich umarmt. Das ist das beste Gefühl.“

„Diese Kinder, ihre Mütter und Väter sind Botschafter des Friedens. Sie gehen zurück nach Hause und sprechen darüber. Das sind die kleinen Dinge, die hoffentlich irgendwann einen großen Unterschied machen und uns Frieden bringen.“